Ich hab die Schublade rausgeworfen.
- Yvonne Wittner

- 5. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Ich erinnere mich noch, wie es sich anfühlte, einfach zu spielen. Ohne Publikum. Ohne Beurteilung. Das Kind, das ich war, hat Dinge gemacht, weil sie sich richtig anfühlten — nicht weil sie in ein Bild passten, das jemand anderes von mir hatte.
Dann hat die Welt angefangen, mir zu erklären, wer ich bin.
Nicht laut. Nicht böse. Eher wie Wasser, das langsam Stein formt. Ein Kommentar hier. Eine Erwartung dort. Das ist nichts für dich. Das passt nicht. So macht man das nicht. Und irgendwann, ohne es wirklich zu merken, habe ich begonnen, mich selbst durch die Augen dieser Sätze zu sehen.

Der Preis des Passens
Die meisten Menschen, die ich kenne, haben irgendwann damit angefangen, sich anzupassen. Das ist kein Versagen — das ist menschlich. Wir sind soziale Wesen. Zugehörigkeit ist ein echtes Bedürfnis. Das Problem entsteht, wenn das Bedürfnis nach Zugehörigkeit größer wird als das Bedürfnis, man selbst zu sein.
Ich habe Jahre damit verbracht, herauszufinden, in welche Schublade ich gehöre. Nicht weil mich das interessiert hätte — sondern weil ich glaubte, eine Schublade zu brauchen, damit andere wissen, wie sie mit mir umgehen sollen.
Irgendwann merkst du: Die Schublade passt nicht — weil du nie für eine Schublade gemacht warst.
Das klingt simpel. Es fühlt sich nicht simpel an.
Was es kostet, zuzuhören
Wirklich zuzuhören — immer, automatisch, reflexartig — das kostet etwas. Es kostet die Stille, in der man die eigene Stimme hören könnte. Es kostet die Zeit, die man damit verbringt, Entscheidungen durch fremde Erwartungen zu filtern. Und am Ende kostet es den Zugang zu sich selbst.
Ich sage das nicht, um dramatisch zu klingen. Ich sage es, weil ich gemerkt habe, dass ich an einem bestimmten Punkt nicht mehr wusste, was ich eigentlich will. Ich wusste, was ich tun sollte. Was erwartet wurde. Womit ich andere zufriedenstellen konnte. Aber was ich selbst wollte? Schweigen.
Das ist der Moment, den ich heute erkenne: wenn die innere Stimme leiser wird, als die äußeren Stimmen laut sind.
Die Schublade loswerden
Den Moment, an dem sich etwas wirklich verschoben hat, kann ich nicht genau benennen. Es war kein großes Erlebnis. Eher eine Erschöpfung. Die Erkenntnis, dass es mich mehr Energie kostet, jemand zu sein, den ich nicht bin — als einfach der zu sein, der ich bin.
Die Schublade loszuwerden bedeutet nicht, keine Grenzen mehr zu kennen. Es bedeutet nicht, rücksichtslos zu sein oder niemanden mehr zu hören. Es bedeutet: die Kategorien, die andere für mich entworfen haben, nicht länger als Maßstab zu benutzen.
Es bedeutet, wieder zu dem Kind zurückzufinden, das einfach gespielt hat. Nicht weil es egal war, was andere denken — sondern weil es wichtiger war, präsent zu sein als korrekt.
Was seitdem passiert ist
Ich werde nicht behaupten, dass alles leichter wurde. Klarheit macht manche Dinge komplizierter, nicht einfacher. Wenn du weißt, was dir wichtig ist, musst du Entscheidungen treffen. Manchmal unbequeme.
Aber ich schlafe besser. Ich erschöpfe mich weniger. Ich fange an, Dinge zu tun, die ich lange aufgeschoben habe — nicht weil ich endlich mutig bin, sondern weil der Aufwand, sie nicht zu tun, größer geworden ist als der Aufwand, sie einfach zu tun.
Deine Magie liegt nicht in der Schublade, in die du passen sollst. Sie liegt in dem, was übrig bleibt, wenn du aufhörst, dich zu sortieren.
Das hier ist kein Aufruf zur Selbstoptimierung. Es ist eine Erinnerung: Du warst schon vollständig, bevor jemand anfing, dir zu erklären, was dir fehlt.




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